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Der
Sidi Barrani
Lieber Jassonkel
Kannst Du mir einen
Rat geben? Wegen dem Jassen habe ich ein grosses Problem. Mein Mann
ist ein leidenschaftlicher «Sidi Barrani» - Jasser und seit unserer
Heirat liess er nicht locker, mir diesen rassigen Jass beizubringen.
Ich muss zugeben, ich spiele diesen Jass nun selbst leidenschaftlich
gerne, am liebsten mit meinem eigenen Mann als Partner. Leider ist
er etwas aufbrausend und trotzdem er im häuslichen Alltag lieb und
nett zu mir ist, wird er beim kleinsten Fehler, den ich beim Jassen
mache, furchtbar grob. Er hat mich in aller Öffentlichkeit schon
dermassen angebrüllt, dass sich unbeteiligte Personen darüber empörten.
Er betitelt mich dann mit beleidigenden Namen, von denen «blöde
Kuh» noch fast ein Kosewort ist. Es ist schon vorgekommen, dass
ich in Tränen ausbrach und ich habe mir damals fest vorgenommen,
mit meinem Mann nicht mehr zu Jassen, ohne den Vorsatz in die Tat
umsetzen zu können. Es gibt Leute, die glauben, mein Mann sei ein
brutaler Kerl. Ich bin aber glücklich verheiratet. Nur beim Jass
schnappt er ab und zu einfach über! Wenn er sich wieder beruhigt
hat, tut ihm seine Heftigkeit manchmal leid und er entschuldigt
sich aufrichtig. Was soll ich nur tun? Weisst Du mir einen Rat,
lieber Jassonkel? Ich hatte eine Zeitlang richtige Minderwertigkeitskomplexe,
ich sei einfach zu dumm. Aber gar so schlecht bin ich scheinbar
doch wieder nicht. Wenn wir die Partner wechseln, spiele ich weniger
gehemmt und dann gewinne ich ebenso wie die andern. Nach der Statistik,
die wir für die Jasskasse angelegt haben, bin ich nicht einmal die
Schlechteste. Soll ich besser das Jassen aufgeben, um weiteren Ehekrach
zu vermeiden?
Mit herzlichem Dank
für Deinen Rat Deine Nichte U. A.
Meine liebe Nichte
U. A. in Luzern
Als ich Deine Anfrage
las, plagte mich beinahe mein schlechtes Gewissen. Aber ich musste
auch wieder schmunzeln. Ich bin nämlich auch so einer! Vielleicht
nicht ganz so schlimm, aber ich muss mich tatsächlich auch am Ohr
zupfen. Deshalb will ich versuchen, Dir die psychologischen Hintergründe
eines jassenden Ehemannes zu erklären. Es soll keine Entschuldigung
für wirkliche Grobiane sein, aber vielleicht nimmst Du ein gelegentliches
Meckern nicht mehr so tragisch und zitterst nicht bei jeder verzwickten
Situation, so dass es dann ganz sicher verkehrt herauskommt. Wie
Du schon gesagt hast, lebt Dein Mann mit Dir sonst glücklich und
zufrieden. Wenn ein Mann gern mit seiner Frau jasst, ist dies im
allgemeinen ein sehr gutes Zeichen, immerhin besser, als wenn er
bei jeder Gelegenheit in die Wirtschaft abschleicht und seine Frau
zu Hause lässt. Aber wenn ein Mann seine Frau gern hat, so ist sie
für ihn nicht nur die Schönste und die Tüchtigste, sie soll auch
noch die beste Jasserin sein ! Darum trifft es ihn so schwer, wenn
seine Allerbeste einen Fehler begeht. Ehrlich will ich zugestehen,
dass die männliche Eitelkeit und nicht zuletzt das Portemonnaie
auch noch eine Rolle spielen, er zahlt immerhin doppelt, wenn er
mit seiner Frau verliert.
Einen andern Jass versuchen?
Beispielsweise «Undenufe-Obenabe»? Wenn man einmal vom spannenden
Sidi Barrani «angefressen» ist, erscheint jede andere Jassart als
langweilig. Vielleicht könnte man abwechslungshalber einen «Differenzler»
probieren, der an das jasstechnische Können ziemlich hohe Anforderungen
stellt, dafür aber weniger mit Explosivstoff geladen ist, weil jeder
Beteiligte für sich allein spielt.
Das Beste aber ist:
eine ruhige Aussprache zu einer besinnlichen Stunde. Jeder gute
Jasser macht einmal einen Fehler auch Dein Mann und auch der Jassonkel.
Versuche Deinen Mann dahin zu bringen, dass er seine eigenen Fehler
erkennt und auch zugibt, ohne dass Du sie ihm schadenfroh unter
die Nase reibst. Da reagieren die Männer nämlich sauer. Vor allem
soll er Dir in Zukunft keine Fehler ankreiden, die objektiv keine
sind und die er nur als Fehler ansieht, weil dann ein Spiel vielleicht
besser abgelaufen wäre. Mangelnde Objektivität in der Fehlerbeurteilung
ist oft die wahre Streitursache beim Jassen. Seit ich persönlich
eingesehen habe, wo des «Pudels Kern» liegt, habe ich mich schon
«gebessert» - ich hoffe es wenigstens !
Darum, meine liebe
Nichte, bewahre den heutigen Jassbriefkasten auf und zeige ihn gelegentlich
Deinem Allerliebsten. Ich bin überzeugt, dass es etwas nützt.
Mit herzlichen Grüssen
Dein Jassonkel
Lieber Jassonkel
Was sagst Du zu meinem
Erlebnis bei einem «Sidi Barrani»? Mein Partner hatte 120 Punkte
«Undenufe» angeboten, unser folgender Gegner überbot auf 130 Punkte
«Obenabe». Ich passte, mein nächster Gegner ebenfalls. Mein Partner,
der nun als letzter an der Reihe war, studierte einen Augenblick,
ob er weiter bieten solle, oder das Angebot unsern Gegnern überlassen
solle. Da ich mir bewusst war, dass wir bei 140 Punkten unweigerlich
einen «Doppel» einfangen werden, versuchte ich nun meinerseits mit
einem «Doppelruf» meinen Partner zu entlasten. Mein Gegner protestierte
und behauptete steif und fest, dass ich nicht mehr «doppeln» dürfe,
wenn ich «passe» gesagt habe. Ich meinte, dass meine Gegner vom
Wesen des «Sidi Barranis» nichts verstanden, wenn sie eine solche
Behauptung aufstellten. Sie wollten sich aber durchaus nicht belehren
lassen, da warf ich die Karten hin, zahlte und ging. Hatte
ich recht?
Mit freundlichen Grüssen
Dein L. S.
Mein lieber Neffe L.
S. in Horw
Du hattest recht, aber
auch wieder unrecht. Bei einem «Sidi Barrani» mit Trumpf «Undenufe»
und «Obenabe» ist es so eine Sache. Da er seit relativ kurzer Zeit
gespielt wird, sind seine Jassregeln ausser im seinerzeit veröffentlichten
Jasskurs «Stöck Wis Stich» nirgends festgelegt. Ich gehe aber durchaus
mit Dir einig, dass der «Doppel» jederzeit gerufen werden kann,
auch wenn Du «passe» gesagt hast. Passen bedeutet, dass Du im betreffenden
Umgang nicht mehr bieten wolltest, während der «Doppel» das Angebot
blockiert. Da aber dieser Fall gerade bei weniger routinierten «Sidi
Barrani» - Jassern nicht immer klar liegt, kann ich Dir einen kleinen
Vorwurf nicht ersparen, dass Du die Karten hingeschmissen hast.
Jetzt, da Du und Deine Jasskollegen den Vorfall einigermassen verdaut
haben, wäre es nicht ohne Sinn und Zweck des «Doppeln» in aller
Ruhe nochmals durch zu besprechen. Vielleicht probierst Du es noch
einmal?
Mit herzlichen Grüssen
Dein Jassonkel
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